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Das bisschen Haushalt... - Über Gender, Popmusik und Karaoke

Updated: 5 days ago

Musik ist allgegenwärtig. Sie beeinflusst unsere Stimmung und Gefühle, ruft Erinnerungen wach und kann uns regelrecht körperlich ergreifen. Welche Rolle spielen eigentlich die Inhalte und Texte von Liedern, die uns alltäglich umgeben und wie werden Geschlechterrollen im Medium Popmusik auf der sprachlichen Ebene dargestellt?


Für die Ausstellung „This is not a Love Song – Räume für Aktivierung“ (25.06. - 13.08.2022, Projektraum Galerie M) wurden Bewohner*innen des Stadtteils Marzahn eingeladen sich mit umgeschriebenen Songtexten an einer interaktiven Installation und einer zu beteiligen.

Zum Abschluss einer Reihe von Workshops zu Geschlechterrollen in der Popmusik, fand eine Karaoke-Performance im öffentlichen Raum statt, bei der sowohl neue Versionen, als auch empowernde und feministische Pop-Songs vor Publikum aufgeführt wurden.


Ziel des Projekts "Neue Lieder braucht das Land" war es über medial verbreitete, stereotype Rollenbilder zu reflektieren und sich dazu künstlerisch zu positionieren - ein Versuch selbst aktiv zu werden, anstatt sexistische Inhalte zu canceln oder zu ignorieren.


Ausschnitt Projekt-Titelbild, Collage, Papier, 2022
© Fenia Franz, I said hey, what‘s going on? - Idol #2, Projekttitelbild, Collage, 2022

"Das bisschen Haushalt ist doch kein Problem, sagt mein Mann (...) damit meine Frau in ihre Firma gehen kann, mach ich das gerne, sagt mein Mann." singt Renate Bause-Bitterlich (NKI) mit schelmischen Blick. Es handelt sich um eine von ihr umgedichtete Version des Liedes "Das bisschen Haushalt" von Johanna Koczian ins Mikrofon. Auf dem Bildschirm daneben läuft simultan zur Musik der neue Text.

Es ist ein schöner Sommerabend und auf dem Platz Frieden, an der Marzahner Promenade hat sich Publikum versammelt, das auf Liegestühlen lümmelt oder im Außenbereich des Van Lang Restaurants den Abend ausklingen lässt.


Es ist der Abschluss des Projekts "Neue Lieder braucht das Land", das sich mit der Darstellung von Geschlechterrollen und Machtverhältnissen in deutschsprachiger Musik der 70er und 80er Jahre auseinandersetzt. In einer Arbeitsgruppe diskutierten Mitglieder der Neuen Kunstinitiative Marzahn Hellersdorf (NKI), Bewohner*innen des Stadtteils und Studierende des Instituts für Kunst im Kontext (UdK Berlin), die Bedeutung von Sprache, Musik und Genderthemen. Aus den Treffen gingen einige neue Versionen von Texten, sowie Impulse für andere künstlerische Beiträge zur Ausstellung hervor.

In einer Karaoke-Kabine, die in einem kleinen Nebenraum der Galerie installiert wurde, konnten die neuen Lieder mit Begleitmusik und Disko-Licht, durch ein Mikrofon gesungen werden

Neben bereits umgeschriebenen Versionen wie "I won't shave for you" (Original: "I'm a Slave 4 You" von Britney Spears), konnte man auch "Wann ist ein Mensch ein Mensch?" (Original: Männer von Herbert Grönemeyer) und das bereits erwähnte "Das bisschen Haushalt macht mein Mann" singen.



Karaokevideos, Loop 15:17 min , Lautsprecher, Mikrofon, Disco-Licht, An- und Aus-Schalter,  Flittervorhang, 2022
Ausstellungsansicht Neue Lieder braucht das Land, Fenia Franz, 2022



Der Titel "Neue Lieder braucht das Land", lehnt sich an den Hit von Ina Deter „Neue Männer braucht das Land“an. Das Lied erschien1982 in der DDR und ist eine Abrechnung mit dem veralteten Männerbild der deutschen Nachkriegsgeneration. Ina Deter inszeniert sich mit E-Gitarre und Minirock, bezeichnet sich als "Emanze“ und inszeniert sich als sexuell selbstbestimmtes Wesen.

Weitere Lieder, die in der Arbeitsgruppe diskutiert wurden, sind z.B. „Unbeschreiblich weiblich“ (1978, BRD), indem sich Nina Hagen der weiblichen „Pflicht" widersetzt Kinder zu kriegen und sogar Abtreibung thematisiert. Sie fühlt sich "unbeschreiblich weiblich" auch ohne Mutter zu sein.

Ein Jahr später veröffentlicht Bettina Wegner in der DDR das Protestlied "Ach wenn ich doch als Mann auf diese Welt gekommen wäre“, indem sie sämtliche Dinge beklagt, die ihr als Frau in der damaligen Gesellschaft der 70er Jahre verwehrt geblieben sind (z.B. jemanden zum Tanzen Auffordern, Rauchen, alleine in die Kneipe gehen, nach künstlerischer Qualität und nicht aufgrund des Körpers beurteilt werden.) Lediglich auf die Wehrpflicht für Männer ist sie nicht neidisch.

„Männer“ von Herbert Grönemeyer (1983, BRD), kommentiert ironisch Männlichkeit beschreibt Männer als fehlbare Menschen: "Männer sind auch Menschen", "Männer sind verletzlich“. Neben Privilegien werden auch Macken von Männern thematisiert und mit deren Sozialisation begründet. Sie sind eben „schon als Kind auf Mann geeicht."

In „Frauen“ (1988, BRD) singt Udo Lindenberg - einer der bis heute angesehensten deutschen Musiker - es sei "schade, dass man sie nicht alle haben kann“ und schreckt nicht davor zurück auf rassistische Klischees zurückzugreifen. Das Lied endet mit einem sexistischen Rap auf englisch und dem Satz „Give me the women“.


Johanna Koczians Hit von 1977, den Renate Bause-Bitterlich mit sicherer Stimme auf dem Platz Frieden vorträgt, war schon damals ironisch angelegt. Das Auflisten allerhand häuslicher Tätigkeiten von Kochen bis Rasen mähen, verdeutlicht dass Haushalt keineswegs ein Klacks ist, obwohl der besungene Ehegatte anderer Meinung zu sein scheint. Für ihn ist das keine Arbeit und er erwartet sogar noch Dankbarkeit von seiner Frau dafür, dass er täglich in die Firma geht, um für den gemeinsamen Lebensunterhalt zu sorgen. Trotz Fortschritt in Sachen Gleichberechtigung und einem zunehmend partnerschaftlichen Eheverständnis Ende der 70er Jahre, ist die Haushaltsführung bis heute ein Konfliktthema auch in modernen Beziehungen.

Obwohl es in der DDR - auf deren ehemaligen Gebiet wir uns hier befinden - normal war, dass auch Frauen berufstätig waren, fielen Haushalt und Kindererziehung noch zusätzlich in ihren Aufgabenbereich und wurden so zur Doppel- und Dreifachbelastung.

Bause-Bitterlich kann davon quasi ein Lied singen. Auf dem Platz Frieden bricht tosender Applaus aus.





Während die Zuschauer*innen in der Liste nach Liedern suchen, spielt der Pianist und Co-Host Jacu Popballaden auf dem Klavier, das extra für die Performance aus dem Projektraum hierher gerollt wurde.

Ein Paar, das sich grade mit in Tüten eingepacktem Abendessen auf den Weg nach Hause macht, nutzt die Gelegenheit um voller authentischem Gefühl "Take me to Church" über den Platz zu singen. Der Schmerz, den der Künstler Hozier besingt, wird in diesem Lied, das zur Hymne gegen Homophobie geworden ist, für alle spürbar.

Eine der anwesenden Künstler*innen entscheidet sich für lautere Klänge und trägt den Punksong "Rebel Girl" von Bikini Kill vor, während ein junger Musiklehrer, der noch nicht lange in Marzahn lebt, eine koreanische Ballade singt. Das Publikum ist sichtlich berührt, obwohl die meisten den Text nicht verstehen. Karaoke gehört in Südkorea zur Alltagskultur, erzählt der Pädagoge und dass es auch Laien-Sänger*innen Gelegenheit biete sich in andere Rollen zu begeben und den Emotionen freien Lauf zu lassen.


Gegen Ende der Veranstaltung kommt noch ein älterer Herr mit Fahrrad und Fussball-Trikot am Platz vorbei und fragt ob es auch was Deutsches gäbe. Er kommt vom Public Viewing und singt spontan "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" von Marlene Dietrich, gefühlvoll und im Duett mit Renate, während hinter den Plattenbauten langsam die Sonne untergeht. "Sowas müsste man hier öfter machen" sagt er im Anschluss.

Die Rückmeldung ist allgemein positiv und entgegen mancher Bedenken, hatte das Ordnungsamt an diesem Tag auch keine Einwände.

Zum Ende der Veranstaltung werden die Stühle zusammen geklappt, das Klavier und der Einkaufswagen mit der Karaoke-Anlage wieder zurück in die Galerie gerollt. Es ist kurz vor Ende von "This is not a Love Song". An diesem Abend ist es trotz des leicht widerspenstigen Ausstellungstitels aber dann doch ein Liebeslied geworden, an den Bezirk und an diejenigen, die sich einen Sommer lang hier zusammen getan haben um gemeinsam was auf die Beine zu stellen, sich über Kunst und auch politische Themen auszutauschen, zu diskutieren, voneinander zu lernen, ernste und berührende Momente zu teilen aber auch um ein bisschen Quatsch zu machen.


Fenia Franz, Berlin, 2023

f.franz@udk-berlin.de

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